Rund 180 öffentliche Gebäude und Anlagen betreibt die Gemeinde Münsingen. Diese hohe Zahl für das «grosse Dorf – die kleine Stadt» begründet sich auch in den zwei Gemeindefusionen, die Münsingen zuerst mit der Gemeinde Trimstein im Jahr 2013 und dann mit der Gemeinde Tägertschi Jahr im 2017 vollzogen hat: Beide neuen Gemeindeteile haben eine vollwertige Infrastruktur eingebracht, welche unterhalten und bewirtschaftet werden will. Für die Energiestadt Gold ist es selbstverständlich, alle diese Gebäude in ihrer Energiebuchhaltung zu erfassen und auszuweisen. Doch der Alltag mit dem Betrieb und der Erneuerung des Gebäudeparks ist nicht immer einfach. Lukas Tschirren, Fachbereichsleiter Umwelt und zuständig für den Energiebereich in der Abteilung Bau, erklärt im Gespräch, wie diese Team-Aufgabe dennoch mit Erfolg bewältigt wird.
Sehr geehrter Herr Tschirren, Münsingen hat einen umfangreichen Gebäudepark, wie hat es Münsingen geschafft, neben dem Alltagsgeschäft die Energiebuchhaltung aufzubauen?
Zum Glück wurde die Energiebuchhaltung bereits 2005/2006 aufgebaut, als Münsingen noch keine Gemeindefusionen vollzogen hatte. Der Gebäudepark war zu diesem Zeitpunkt kleiner, übersichtlicher. Die aufwändige Arbeit der Erfassung der Energiebezugsflächen wurde durch einen pensionierten Architekten ausgeführt – für die Bauverwaltung wäre es nicht zu bewältigen gewesen. Danach konnte Münsingen mit der Führung der Energiebuchhaltung Erfahrungen sammeln und schrittweise die neuen Gebäude und die neuen Gemeindeteile integrieren. Heute sind in der Energiebuchhaltung alle Gebäude des Verwaltungsvermögens erfasst. Wir wollen aber künftig noch weiter gehen und neben den Energiekennzahlen auch den bauliche Zustand aller Gebäude erfassen.
Wie gehen Sie heute bei der Aktualisierung der Energiebuchhaltung vor und welche Bereiche sind dabei beteiligt?
Mit dem Wechsel der Liegenschaftsverwaltung zur Abteilung Bau – sie war vorher Teil der Finanzabteilung – haben wir nun das «Gebäude-Know-How» gebündelt und die Zusammenarbeit aller Beteiligten klappt sehr gut. Mit der vierteljährlichen Anweisung der Energierechnungen erfassen die Mitarbeitenden der Liegenschaftsverwaltung die Energiekennzahlen in einem Excel-Tabellenblatt. Einmal pro Jahr erhalte ich diese Tabellenblätter und erfasse die Werte in EnerCoach online. So sehe ich, wie sich die Energieverbräuche entwickeln. Dabei hat die online-Version von EnerCoach Vorteile, weil jeder Zähler einzeln erfasst werden kann. Früher mussten die Verbräuche bei grösseren Gebäudekomplexen, wie z.B. Schulen mit Schätzungen auf verschiedene Nutzungen und Energiebezugsflächen verteilt werden. Nun ist es einfacher geworden. Leider hat die Nachvollziehbarkeit der Berechnungen mit der online Version gelitten. Die Kontrolle, ob alles richtig erfasst worden ist, ist schwieriger geworden. Wichtig ist zudem, dass die einzelnen Schritte gut dokumentiert werden, so dass auch nach Monaten oder bei Stellenneubesetzungen noch die Abläufe und Gedankengänge nachvollzogen werden können.
Wie werden die Ergebnisse der Energiebuchhaltung ausgewertet und umgesetzt? Wer wird darüber informiert?
Manchmal geht es schnell: Als ich im letzten Sommer dank der Energiebuchhaltung festgestellt habe, dass der Wasserverbrauch in der Gemeindeverwaltung um das Fünffache gestiegen ist, war sofort klar, dass dies mit der angrenzenden Baustelle einen Zusammenhang haben muss … Doch so einfach ist es nicht immer. Selbstverständlich informieren wir die Hauswarte, die Kommissionen und den Gemeinderat, doch die Umsetzung der Informationen in konkrete Taten ist nicht selbstverständlich. Mit dem Betriebsoptimierungsprogramm von Energo analysieren und begleiten wir unsere beiden grossen Schulanlagen seit 2014. Dort zeigte sich, dass die Hauswarte einiges bewirken können. Aber das Nutzerverhalten von Schulen und Sportvereinen ist ein ebenso entscheidender Faktor. Die Nutzer zu erreichen und nachhaltig zu sensibilisieren ist uns nicht gelungen. Im Gebäudebereich lebten wir bis anhin „von der Hand ins Maul“, betrieblich wurde einiges optimiert, doch kostspielige Sanierungen wurden lange nicht angegangen. Hier haben wir festgestellt, dass eine Gebäudestrategie hilfreich wäre, die eine langfristige Planung des Gebäudeparks ermöglicht. Diese arbeiten wir nun aus.
Wie konnte Münsingen das Verständnis in der Politik für die Gebäudestrategie schaffen?
Neubauten sind immer attraktiver als Sanierungen. Unsere letzten beiden Schulhausneubauten wurden wie selbstverständlich mit dem Minergie P-Label und Sonnenenergienutzung geplant. In der Budgetgenehmigungsphase haben wir erfolgreich mit dem guten Raumklima, Stand der Technikgeringeren Betriebskosten sowie der Vorbildrolle der Gemeinde als Bauherrin argumentiert.
Beide Bauten sind in Betrieb und müssen nun im Alltag beweisen, dass das Vertrauen von Politik und Bevölkerung in dievorbildliche, energieeffiziente Bauweise auch gerechtfertigt ist. Dank des erbrachten Tatbeweises, dass Minergie-P-Bauten ohne viel Mehraufwand erstellt werden können, wurde diesen Frühling der Gebäudestandard 2015 von Energiestadt im Gemeinderat verabschiedet. Die geplante Gebäudestrategie, die sich schwergewichtig mit dem Gebäudebestand befasst, kann nun im Nachgang zu diesen Beispielen entspannt diskutiert werden. Münsingen geht den Weg also vom guten Praxisbeispiel zur daran angelehnten strategischen Planung und nicht umgekehrt.
Worin liegen für Sie die Ursachen für den Erfolg von Münsingen im Energiebereich?
In Münsingen gab es schon in den Achtzigerjahren einige aktive Treiber – sowohl private Initiativen als auch erfolgreiche politische Vorstösse. Sehr wichtig ist es, dass der Gemeindepräsident Beat Moser vom Thema überzeugt ist und die Leitlinien vorgibt. Aber auch der Leiter der Bauverwaltung sorgt dafür, dass Energiethemen sowohl in der täglichen Arbeit als auch bei Personalentscheiden die notwendige Beachtung finden. Dadurch ist über die Jahre in der Abteilung Bau ein gutes Team mit entsprechendem Energie-Know-How entstanden.
Zudem haben bei uns Energieprojekte Tradition, die in engem Austausch zwischen Gemeinde, dem Gemeindewerk und Privaten realisiert werden.
Welche Tipps haben Sie für Gemeinden, welche neu in die Thematik Energie und Energiekennzahlen einsteigen möchten?
Das Wichtigste ist, dass die Schlüsselpersonen davon überzeugt sind, dass die energetische Nachhaltigkeit ein lohnenswertes Ziel ist. Bei externen Beraterinnen und Beratern ist darauf zu achten, dass nicht nur Fachwissen, sondern auch Begeisterung und Motivation in die Gemeinde geholt werden. Aber es braucht auch Geduld und Hartnäckigkeit, um weiter zu kommen – wir mussten für ein einzelnes Energieprojekt auch schon dreimal in den Gemeinderat: Zuerst haben wir das Thema vorgestellt, dann haben wir für die Ausarbeitung das Einverständnis abgeholt und erst danach konnten wir den Antrag zur Genehmigung vorlegen. Man muss wissen: Nicht alle sind im Thema Energie zu Hause. Man darf die Personen, die (noch) keine Beziehung zum Thema haben nicht überfordern. Zuviel auf einmal zu wollen und vorpreschen kommt selten gut.
Vielen Dank für das Gespräch!



